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"In this supreme Hour ..." - Revolution als Grand Guignol

Ein Aspekt des Osteraufstandes war das Groteske, das sich oft erst auf den zweiten Blick zeigte, dass oft in der Art des Schmierentheaters in wahre Blutorgien überging. Und das, mehr als oft, von wohlklingenden Worten begleitet.

Die britischen Truppen, deren Bluttaten auch heute noch fleissig rezitiert werden, bekamen den Befehl, auf alle bewaffneten Rebellen zu schiessen – egal ob in Uniform oder nicht. In einigen Bereichen Dublins wurden auch “free fire zones” erklärt, wo jeder Verdächtige sofort erschossen werden konnte.

Zahlreiche Zivilisten, darunter auch “Schlachtenbummler” (siehe dazu weiter unten) starben so unter britischem Feuer. Vor allem im Kampf um die Four Courts gingen die Soldaten gnadenlos vor und töteten auch Zivilisten mit dem Bajonett. Selbst Maxwell zeigte sich von diesen Vorgängen betroffen – suchte jedoch die “Schuld” letztlich bei den Rebellen. Allerdings ging ein Befehl des Brigadegenerals William Lowe als wesentlicher Faktor auch in die Geschichte ein – Lowe hatte seine Leute angewiesen, dass die Rebellen Gesetzlose seien und dass man keine Gefangenen machen solle. Mit dieser Boxeraufstand-Mentalität war es ein kurzer Schritt zur standrechtlichen Tötung jedes Verdächtigen.

Ihren Anteil am blutigen Geschäft hatten jedoch, wie in Kriegen üblich, einige vollkommen durchgedrehte Charaktere. Allen voran der Hauptmann J.C. Bowen-Colthurst, der den pazifistischen Journalisten Francis Sheehy-Skeffington verhaften und dann ohne Prozess, aber dafür zusammen mit zwei weiteren inhaftierten Journalisten (Thomas Dickson und Patrick MacIntyre), erschiessen liess. Seine Begründung: Er wollte ihre mögliche Flucht oder Befreiung verhindern! Bowen-Coldhurst wurde von einem Militärgericht wegen Mord schuldig befunden und dann in eine Psychiatrische Anstalt eingewiesen.

Liest man die heutigen Bücher zum Osteraufstand, kann man sich dagegen des Eindrucks nicht erwehren, dass Volunteers und ICA wie echte Gentlemen kämpften. Ein falscher, aber von der offiziellen Geschichtsschreibung gerne gepflegter Eindruck. Tatsächlich haben Rebellen auch gezielt unliebsame oder problematische Zivilisten erschossen, etwa wenn diese sich gegen die Überführung ihres Eigentums in den Besitz der “Irischen Republik” wehrten. Gefangene wurden als menschliche Schutzschilde benutzt. Dum-Dum-Geschosse wurden nicht nicht von einfachen Volunteers verschossen, sondern auch unter den Waffen der Gräfin Markiewicz gefunden.

Und was die Genfer Konvention anging – beide Seiten warfen dem jeweiligen Gegner vor, diese häufig missachtet zu haben. Vorwürfe, die das Rote Kreuz und die Johanniter, die von beiden Seiten beschossen wurden, uneingeschränkt bestätigten. Kurzum: Es gab im Osteraufstand keine “noble Seite”.

Was es aber gab, war das Phänomen der Schlachtenbummler, unter denen es die meisten Zivilopfer gab. Für Dublins Einwohner, vor allem aus den Armenvierteln östlich der Innenstadt, war der Ostereufstand eine kostenlose Unterhaltung und eine Gelegenheit, die bekanntlich Diebe macht.

Kurz nach Beginn der Rebellion wurde die unbewaffnete DMP von den Strassen abgezogen. Dies, kombiniert mit dem allgemeinen Chaos und der einfachen Tatsache, dass die mondäne Sackville Street rund fünf Minuten zu Fuss von den Slums des “Monto” entfernt lag, sorgte für rapide Plünderungen. Kaum hatte Pearse die Irische Republik ausgerufen, machten sich deren Bewohner an die Neuverteilung des Privateigentums. Als erstes geplündert wurden einige Juweliere, Lawrence’s Toy Bazaar, Kleidungsgeschäfte und (unvermeidlich) die Weinhandlungen. Mit den eigenen “Besorgungen” fertig, boten Kinder jungen Gentlemen an, ihnen ihre gerade gestohlenen Golftaschen nach Hause zu tragen … weder die Rebellen noch die britische Armee konnten der Plünderungen Herr werden!

Andere Streiflicher des Osteraufstandes zeigen ebenfalls das Groteske und den Horror Seite an Seite – so stapfte de Valera tagelang ohne Schlaf und in knallroten Socken durch die Gegend, seine Mitkämpfer konnten ihn nicht zu einer Ruhepause bewegen . “Ich kann den Leuten nicht trauen!” war seine Entgegnung. Womit er nicht die Briten meinte, sondern die Volunteers unter seinem Kommando.

Die ob seiner zum Teil widersprüchlichen Befehle ohnehin am Rande des Wahnsinns waren (und sich sogar gegenseitig erschossen). Sam Heuston machte Recycling zum Nachschubgrundsatz – seine Leute fingen von Briten geworfene Handgranaten auf und schleuderten sie zurück. Dieser Heroismus kostete vier Volunteers direkt das Leben.

Die Gräfin Markiewicz fiel vor allem durch ihre makellose Frisur, Designeruniform und ein fesches Bündel Federn am Hut auf, auch Michael Collins hatte sich in volle Paradeuniform geworfen (was ihm den Spott der Volunteers einbrachte) und Pearse selber trat wie Plunkett mit dem Schwert an – wenn schon Selbstmord, dann mit Stil! Andererseits wurden nervös werdende Rebellen von ihren Offizieren auch schon ‘mal heimgeschickt, um sich erstmal richtig auszuschlafen (“Joe” aus dem “Schuh des Manitou” mag einem da in den Sinn kommen), und andere schafften es, sich mit dem ersten scharfen Schuss ihres Lebens per unerwartetem Rückstoss selbst besinnungslos zu schlagen.

Die Geschichte um James Connolly kann als Beispiel für viele Einzelaspekte gelten – er hatte auf die Frage seiner Männer nach ihren Chancen noch gutgelaunt verkündet “Überhaupt keine!” Danach warf er sich mit ihnen in die Frontlinie, wo er auch schwer verwundet wurde. Nachdem er sich in das GPO zurückgerettet hatte, pflegte ihn ein “Sanitäter” der Volunteers – ein Medizinstudent, der nach zehn Jahren Studium das Examen nicht bestanden hatte. Seine Chloroformlösung war so dünn, dass sie auf den Führer der ICA keine Wirkung hatte. Dieser wurde dann erst von dem Arzt Mahony richtig versorgt – Captain Mahony war einer der wenigen britischen Gefangenen in Händen der Rebellen.

Den Rest der Revolution beobachtete Connolly dann vom Bett aus, Detektivgeschichten lesend und Zigaretten rauchend. Sein relativ hoher Verbrauch an Betäubungsmitteln mag zu seiner Einschätzung geführt haben, dass er eine “Revolution de luxe” miterlebte. Und zu seinen unsterblichen Worten im Tagesbefehl vom 28. April: “Wir haben volles Vetrauen, dass unsere Alliierten in Deutschland und unsere Blutsbrüder in Amerika jeden Nerv anspannen um die Sache zu unseren Gunsten zu beschleunigen. … Mut, Jungs, wir siegen, und lasst uns in der Stunde des Sieges nicht die Frauen vergessen, die uns zur Seite standen und uns zujubelten.” Die letzten Verlautbarungen aus dem Führerbunker 1945 klangen kaum weniger optimistisch.

Was aber vielleicht die einprägsamste Episode unter Berücksichtigung der weiteren irischen Geschichte war, spielte sich nicht im GPO ab, sondern bei den Four Courts.

Hier erkletterte der von mehr als zwei Dutzend Schüssen schwer verletzte Rebellenoffizier Cathal Brugha allein eine Barrikade, schrie den Briten zu “Kommt und holt mich doch!” und sang dann laut “God save Ireland!” Wie durch ein Wunder überlebte er den Aufstand – und wurde von Freunden als “so tapfer wie ein Bulle, aber auch so dumm” beschrieben. Auf jeden Fall ging er in die irische Folklore ein (als nahe Konkurrenz zu Cuchullain fehlte ihm nur ein Rabe!), wurde Stabschef der IRA, dann Verteidigungsminister und zeitweise sogar kommissarischer Präsident Irlands. 1922 fiel er im Kampf gegen Truppen des Freistaates, als die Revolution wahrlich ihre Kinder frass.

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