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Patsy und das Dixi-Klo

Iren sind ein besonderer Menschenschlag. Vielleicht hängt das mit ihrer Abstammung von den Kelten zusammen. Auf den früheren Großseglern sollen sie die schlimmsten Schläger gewesen sein. Doch die meisten sind heute recht nett. Manche versuchen sich als Alleinunternehmer, wie es in Europa üblich wird. Aber nur ein Dixi-Klo auf dem Campingplatz ist wirklich etwas wenig.

Reisebericht von Ulrich Straeter
Reisebericht von Ulrich Straeter

Vor der Fahrt nach Irland hatte ich beim Eintausch englischer Pfundnoten die Kassiererin meiner Bank verwirrt. Nicht etwa durch mein smartes Äußeres oder durch eine Einladung ins Irish-Pub ‚Fritzpatrick’s’ (warum eigentlich nicht?), sondern durch meinen Wunsch nach zusätzlichen irischen Pfunden. Sie merkte es eher als ich, denn Irland hat schon längst den Eurokurs eingeschlagen.

Das erleichtert uns das Leben, denn die Zeiten, als man im Kopf blitzschnell Pfunde, Gallonen, Libs, Fuß und Meilen umrechnen musste, sind so gut wie vorbei. Übrig geblieben sind in einigen Gebieten noch Meilenangaben, die man bei Geschwindigkeitsbegrenzungen allzu gern akzeptiert, weil man dann meint, schneller fahren zu dürfen.

Aquarell von Ilse Straeter
Aquarell von Ilse Straeter

Wir aßen im Ship’s Inn in Killybegs / Donegal zu Abend. Das Lokal wirkte durch seine niedrige Decke und die dezente Beleuchtung sehr gemütlich; das freundliche Inhaberpaar bediente persönlich, nicht ohne sich kurz nach unserem Woher und Wohin zu erkundigen; Schiffsmodelle und ein Sägefisch waren in Glasvitrinen ausgestellt, ein Steuerrad und ein Maschinentelegraf signalisierten in einer Ecke weiteres maritimes Flair.

Wir bekamen deshalb auch seafood, Ilse Goldbrasse und ich Red Snapper. Nach Aussagen der Speisekarte sollten die Garnierungen beider Gerichte Spuren vom Lobster enthalten haben. Wir fanden sie nicht, aber vielleicht hatten wir zu wenig Ahnung.

Vielleicht ist unser Wissen von maritimen Dingen, insbesondere vom Fischfang, wirklich zu dürftig. Viele essen ahnungslos Victoria-Barsch und ahnen nicht, dass er wirklich vom Victoriasee, dem größten Süßwassersee Afrikas im Dreieck zwischen Sambia, Namibia und Simbabwe, per Flugzeug nach Europa geschafft wird.

Stutzig machte uns am lebendigen, übersichtlichen Hafen von Killybegs, wo die roten Fischkutter Colmcille, Ave Maria oder SO 591 hießen, ein portugiesischer Sattelschlepper, von dem Fischkisten auf ein irisches Boot mit spanisch sprechender Besatzung umgeladen wurden. Wir fanden den Weg, den der Fisch nahm, nämlich vom Auto auf das Schiff und nicht umgekehrt, seltsam.

Die mit der Arbeit beschäftigen vierschrötigen Kerle sahen nicht so aus, als seien sie an dummen Fragen irgendwelcher Touristen interessiert.

Ein Jahr später las ich in der Zeitung, dass die Polizei auf einem Autobahnparkplatz an der A 5 bei Darmstadt die Leiche eines russischen Fernfahrers in einem portugiesischen Lastwagen entdeckt hatte. Wie bei solchen Kurzmitteilungen üblich, erfährt der neugierige Leser den Rest der Geschichte nie. Vielleicht hatte der Fahrer sich auf dem Weg nach Killybegs befunden!

Aquarell von Ilse Straeter
Aquarell von Ilse Straeter

Patsy erwischte uns am anderen Morgen, als wir an der dafür aufgestellten blauen Tonne mit kaltem Wasser aus dem Schlauch hantierten. Das erste Mal hatte er uns bereits am Vortag abgefangen.

Nach etlichen Übernachtungen in unserem nur notdürftig eingerichteten Renault-Transporter auf freier Wildbahn freuten wir uns, als wir die Hafenstadt Killybegs, die außer vom Fischfang von der Teppich- und Stoffherstellung lebt, erreicht hatten, auf die Annehmlichkeiten eines Campingplatzes.

Auf unserer Karte war ein solches Zeichen angegeben, aber ähnlich wie es Kolumbus mit seinen Unterlagen geschah, erging es uns, allerdings mit weit harmloseren Auswirkungen.

Aquarell von Ilse Straeter
Aquarell von Ilse Straeter

Den Campingplatz, außerhalb der Stadt, direkt an der Küste gelegen, gab es nicht mehr. Stattdessen erhob sich dort eine noble Ferienhaussiedlung mit einem edlen Hotel, die wohl ein wenig mehr Geld abwerfen sollte. Zur Zeit sah es zwar nicht danach aus, die Siedlung lag leer und öde im zaghaften Sonnenschein, und auch das Hotel schien nicht gerade überlaufen zu sein, obwohl die Aussicht von dort über Fintragh und Donegal Bay uns sehr beeindruckte.

Aber man soll die Hoffnung nicht aufgeben, die Vertreter unseres Wirtschaftssystems, die Börsianer und Investoren und ihre Nachbeter, die Politiker, haben für unsere Ökonomie eine Theorie entworfen, die sie Wissenschaft nennen, obwohl es sich eher um eine Religion zu handeln scheint, was naturgemäß viel mit Glauben zu tun hat. Immerhin haben sich die Wohnverhältnisse in Irland gebessert, die meisten Häuser sind zwar einfacher Bauart, besitzen aber festes, verputztes Mauerwerk und ein regendichtes Schieferdach. Das war 1977, bei unserem ersten Aufenthalt, noch nicht so.

Leider werden Baugenehmigungen auch an einsamen Küstenstellen erteilt, die besser frei bleiben sollten. Selbst in Donegal gibt es die berühmten niedrigen Katen mit ihren Binsendächern fast nur noch für Touristen in musealen Ansammlungen, wie wir in Glencolumbkille sehen würden.

Doch sind mit der Zeit die Preise für Häuser und Wohnungen derart stark gestiegen, dass viele Menschen die Kosten oder Mieten nicht mehr bezahlen können. In Dublin gibt es inzwischen eine Menge Menschen, die Arbeit haben, aber trotzdem obdachlos sind. Eigentumswohnungen haben innerhalb von zehn Jahren ihren Preis verdoppelt. Die Zahl der Autos hat rasant zugenommen, die entsprechenden ökologischen Folgen blieben (ebenso wie bei der Industrie) nicht aus.

Aquarell von Ilse Straeter
Aquarell von Ilse Straeter

Auch Patsy schien an die Versprechungen der Wirtschaftswissenschaftler und ihrer politischen Assistenten zu glauben. Er hatte oberhalb der Stadt, an einer Stelle mit wunderbarer Aussicht auf den langen Zeigefinger der Halbinsel, die mit St. John’s Point endet, und darüber hinaus auf die gesamte Donegal Bay, ein Gelände gepachtet, das vielleicht irgendwann einmal (er arbeite daran, sagte er) ein Campingplatz werden sollte.

Wir fanden den Platz eher zufällig. Uns empfing eine leere Schotterfläche, die mit einem Holzgeländer umfriedet war. Ein Holztisch mit vier weißen Stühlen lud auf einer kleinen Anhöhe zum Outdoor-Frühstück ein.

Besagte Tonne mit Schlauch für Kaltwasser diente als washroom, vervollständigt wurden die sanitären Anlagen durch ein Dixi-Klo, wie sie auf Baustellen verwendet werden. Zum ersten Mal benutzten wir so etwas und mussten zugeben, dass es einwandfrei funktionierte.

Vor dem Platz stand ein ausrangierter Wohnwagen, den wir als Büro identifizierten. Ein angeklebter, handbeschriebener Zettel verkündete „Welcome!“, eine Telefonnummer und den Hinweis: Please call Patsy!

Niemand war zu sehen, der uns sein Handy hätte zur Verfügung stellen können. So kehrten wir um, fuhren in die Stadt zum Essen und versuchten vorher, eine Telefonzelle aufzutreiben, um der freundlichen Aufforderung zu folgen, jemanden, den wir nicht kannten, der sich uns aber mit dem Vornamen vorstellte, zu kontaktieren.

Wir haben trotz eifriger Suche keine Einrichtung dieser Kommunikationsmöglichkeit in Killybegs gefunden! Waren wir nach Überwindung der Nord-West-Passage doch noch nicht so richtig in der Zivilisation angekommen? Oder hatten die Iren in Killybegs, schnell und viele andere übertrumpfend, bereits völlig auf Handys, die im englischen Sprachraum mobile phones heißen, umgestellt?

Kaum waren wir zurückgekehrt und richteten uns auf dem Schotterplatz für die Nacht ein, denn Ilse wollte am nächsten Tag von dort oben aus ein Aquarell der Bucht malen, tauchte Patsy das erste Mal wie aus dem Nichts auf. Ein gedrungener, kräftig gebauter, schwarzhaariger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren mit sehr lebhaften Augen.

Zeichnung von Ilse Straeter
Zeichnung von Ilse Straeter

Überschwänglich begrüßte er uns, hieß uns willkommen, und stellte mit weit ausholender Geste, die ganz Irland zu umfassen schien, seinen Platz zur Verfügung. Darüber, dass wir hier einfach standen, ohne angerufen zu haben (call Patsy!), verlor er kein Wort. Leider sei er mit seinem Platz noch nicht ganz so weit, im nächsten Jahr wolle er eine Beleuchtung und richtige sanitäre Anlagen mit einer Dusche einrichten, dafür müsse er in diesem Jahr erst einmal das Geld verdienen. Und eine Übernachtung koste nur zehn Euro. Als ich das Portemonnaie zückte, winkte er ab. Tomorrow! Vielleicht blieben wir ja länger, das würde ihn sehr freuen. Dann wünschte er uns eine gute Nacht. Leider trieb uns der aufkommende Wind ins Auto, sodass wir Patsys Gartenmöbel nebst Panoramablick nicht allzu lange draußen genießen konnten.

Gerade als ich am nächsten Morgen das Dixi-Klo verließ, kam Patsy wie zufällig um die Ecke. Ich hatte vorher einen Blick in den Büro-Wohnwagen geworfen, ihn aber leer gefunden. Die Begrüßung erfolgte ebenso lebhaft wie am Tag zuvor, doch musste ich die drängende Frage beantworten, wie lange wir denn nun bleiben wollten. Es fiel uns schwer, einen solch freundlichen Unternehmer zu enttäuschen, doch wir hatten beschlossen, uns für den Aufenthalt in dieser Gegend einen komfortableren Standplatz zu suchen, was uns in Kilcar auf einer kleinen Farm mit Familienanschluss gelang. So bezahlten wir und wünschten Patsy weiterhin viel Erfolg und mehr Gäste, bestätigten die überragende Aussicht und versprachen, im nächsten Jahr, wenn die Duschen eingerichtet seien, wieder zu kommen. Call Patsy!


Text und Bilder: Ulrich Straeter
straeter-kunst@t-online.de
www.straeter-kunst.de

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