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Carlos Núñez und seine Band

Galicien regelmäßig besuchen und Carlos Núñez bzw. den Carlos Núñez-Sound nicht zu kennen, geht kaum, denn seine Musik und die seiner Nachahmer sind überall zu hören. Unsere allererste leibhaftige Begegnung mit dem von der spanischen Presse gekrönten „König der Kelten“ fand jedoch im deutschen Ruhrgebiet, in Bochum, statt. Es war ein wunderbares, herzerfrischendes und horizonterweiterndes Erlebnis: Carlos Núñez the Navigator, der Seefahrer auf den Meeren der Keltia, von Galicien über die Bretagne und Irland bis in die galicische Diaspora, nach Kuba und Brasilien.

Carlos Núñez und seine Band
Carlos Núñez

Es ist wohltuend zu erleben, wie sehr der König der keltischen Folkmusik und seine Band alles vermeiden, was in irgendeiner Weise von der Hauptsache, der Musik, ablenken könnte. Dies gelingt den Musikern, indem sie eine Atmosphäre gepflegter Schlichtheit und Natürlichkeit schaffen – ein karger und doch warmer, nur so weit wie nötig beleuchteter Kirchenraum, vier Menschen ohne Starallüren, in klaren, eindeutigen Farben, schwarz, weiß, rot, ein niedriges Podium und viele Instrumente.

Unnachahmlich, wie die Künstler diese ihrem Publikum einzeln vorstellen – nein, umgekehrt, sie verstehen den Eindruck zu erwecken, als stellten die Instrumente die Musiker vor: Dudelsack und Flöten verschiedenster Art: Carlos Núñez, Schlagzeug und Bodhrán: seinen Bruder Xurxo Núñez, die Fiddle: Paloma Trigás, Bazouki: Pancho Alvarez.

Kein Wunder, dass sich das Publikum wortwörtlich von den ersten Tönen direkt angesprochen fühlt – es entsteht sogleich jene gespannte Stille, bei der die Zuhörer alle zur gleichen Zeit zu atmen scheinen.

Die ungekünstelte Art und Weise, wie Núñez mit seiner angenehmen Stimme auf Englisch und gelegentlich deutschen Sätzen durchs Programm führt, seine Körpersprache, die Begeisterung und Disziplin ausdrückt, kurz seine Bühnenpräsenz, helfen mit, die Zuhörer in den Bann seiner Musik zu ziehen. Und dann, diese Musik selbst!

Keltische Musik, als weltumspannendes Prinzip! Von Galicien in die Bretagne, nach Irland und Schottland, dann auf den Spuren der Auswanderer nach Kuba und Brasilien. Nur auf den ersten Blick ist der Sprung nach Japan verblüffend – schon vor 30 Jahren zählte eine irische Literaturgesellschaft, die wir regelmäßig besuchten, mehrere hundert japanische Mitglieder, aus Interesse an der keltischen Kultur.

Wann wird er wohl die Musik um Ankara, ursprünglich auch eine keltische Region, aufnehmen?

Ob „Women of Ireland“ oder „Camino de Santiango“, ob „Der Bolero von Ravel“ oder die Filmmusik zu „Mar adentro“, Núñez Art zu spielen, bringt das „Kino im Kopf“ in Gang, Bilder steigen hoch, Erinnerungen fluten hinein: Schnell ziehende Wolken und Sonnenstreifen am Abhang von Mount Brandon, der Wirbel galicischer Tänzer und Tänzerinnen auf dem Kathedralplatz von Santiago, der zarte Morgennebel über der Bucht von Douarnenez und immer wieder das Meer, in all seiner Vielfalt… aber auch, paradoxerweise, von Landschaften, die man noch nie besucht hat. Menschen erscheinen auch, klar, bei diesen leidenschaftlichen Klängen, aber das ist privat.

Dem verklärten Blick meiner Nachbarn, rechts und links, nach scheinen sie Ähnliches zu erleben.

Keltische Musik mit ihren jähen Wechseln von tiefster Melancholie zur überschäumenden Lebensfreude, rührt an die keltische Einsicht, dass Gegensätze zusammengehören: Das Licht und das Dunkel, Nacht und Tag, Gut und Böse, Neu und Alt, Fern und Nah… das Programm könnte nach diesem Grundsatz zusammengestellt worden sein. Carlos Núñez besitzt die Gabe, neue kulturelle Einflüsse aufzugreifen und sie so in seit Jahrhunderten gewachsne Muster einzufügen, dass etwas Traditionelles und zugleich Eigenständiges entsteht – eine Vorgehensweise, die die Kelten selbst praktizierten. Man sehe sich einmal die keltische Goldschmiedekunst auf dem Festland oder das Book of Kells von Irland etwas genauer an… „Keltisch“ hat schließlich noch nie eine Volkszugehörigkeit beschrieben, schon aus dem einfachen Grund, weil es „das Volk der Kelten“ nie gab, sondern eine Sicht der Dinge, eine Lebenshaltung. In diesem Sinne ist „König der Kelten“ keine leere Promotionsfloskel.

Sylvia & Paul F. Botheroyd
(Aus dem Magazin irland journal 1.2007)

Webtipp:
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