Irish Dance war lange Zeit in Deutschland eher eine unbekannte Sportart, mit der nur wenige etwas anfangen konnten. Am ehesten lässt sich Irish Dancing mit „Riverdance“ definieren. Die Show ist vielen Deutschen nach mehreren Touren ein Begriff. Doch Irish Dancing ist viel, viel mehr als „Riverdance“.
Der Ursprung des Irish Dance lässt sich nicht eindeutig klären
Der Ursprung des Irish Dance lässt sich nicht eindeutig klären, der Tanz ist ein Ausdrucksmittel seit den Anfängen der Menschheit. Sicher ist, dass auch rituelle Tänze einen Einfluss hatten, ebenso wie „Tanzimporte“ aus der Bretagne, aus Schottland, von den Wikingern, den Normannen und natürlich in der neueren Zeit aus allen anderen Kulturbereichen, mit denen die Iren in Verbindung stehen.
Irish Dance ist vom einfachen Volk geprägt. Die Menschen tanzten nach getaner Arbeit auf dem Feld oder im Winter in der ausgeräumten Küche, um die Sorgen des Alltags zu vergessen. Dance-Masters, fahrende Tanzlehrer, zogen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts durch Irland und brachten der Landbevölkerung einfache Tänze bei. Den jungen Leuten wurde das bald langweilig und sie erfanden immer neue Figuren und Tänze, die dann im Wettbewerb gegeneinander getanzt wurden. Alle Tänze basieren noch heute auf der traditionellen Rhythmen der irischen Musik mit Reels, Jigs und Hornpipes, die als Set mit 8 Personen, als Ceili mit beliebig vielen Tänzern oder als Solotänze getanzt werden.
Während der Famine-Zeit wanderten viele Emigranten in die USA, Kanada, Australien und Neuseeland, aber auch nach England aus. Dort lebte die Tanztradition weiter und orientierte sich stark an dem Herkunftsland Irland , so dass sich im Laufe der Jahrhunderte bestimmte Standards entwickelten, die die Grundlage des heutigen Irish Dancing als Wettbewerbssport bilden.. Maßgeblich ist die An Coimisiùn (Commission) daran beteiligt, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr die Kontrolle über jegliche Tanzaktivitäten bekommen hat. Sie legt fest, welche Prüfungen ein Tanzlehrer ablegen muss, bevor er / sie unterrichten darf, wer zu nationalen und internationalen Wettbewerben zugelassen wird, welche Kleidung bei diesen Wettbewerben getragen werden darf, welche Schritte getanzt werden müssen, kurz: einfach alles.
Außerdem gibt es die World Irish Dancing Association (W.I.D.A.) ist eine junge Organisation, die gegründet wurde, um den irischen Tanz in der Welt von heute zu fördern und weiterzuentwickeln. (www.worldirishdance.com)
Die WIDA z.B. richtet auch Feiseanna (Wettbewerbe) und Oireachtasai (Meisterschaften) in Deutschland und einigen anderen Länder wie Holland, Russland, Ukraine,… aus.
An den Feiseanna der WIDA kann jede/r teilnehmen, ohne Mitglied der WIDA oder einer WIDA-Schule sein zu müssen.
In Irland ist Irish Dancing ein kostspieliger Leistungssport, der von den meist sehr jungen Tänzern und den dazugehörigen „Feis“- Moms eine Menge Zeit und Geld abverlangt. Richtige „Feiseannas“ sind fast jedes Wochenende auf Competitions rund um Irland zu finden, die richtig Guten dürfen dann ihr County, ihren Landesteil oder ihr Land auf internationalen Wettbewerben vertreten, die auch mal in Neuseeland, Alaska oder sogar auf Mallorca (!) stattfinden können- Reisekosten gehen natürlich zu Lasten der Eltern.
Neben den Kosten für Anreise, evtl. Unterbringung und Verpflegung schlagen vor allem bei den Mädchen die wertvollen bestickten Samt- und Seidenkleider zu Buche, die schon mal ca. 1000 Euro pro Kleid kosten können. Meist haben die Mädchen neben dem „Class costume“, also dem Tanzkleid der entsprechenden Tanzschule auch noch ein „Solo costume“, dass nach individuellen Wünschen von professionellen Tanzkleidmanufakturen hergestellt wird. Wartezeit: 2 Jahre- es wird also schon ein neues bestellt, wenn man gerade eins gekauft hat.
In den letzten Jahren kommen auch immer mehr die beliebten Jean-Butler-Kostüme (irisch-amerikanische Stepptänzerin) mit engem Oberteil, tiefem Ausschnitt und kurzem Röckchen in Mode.
Irish Dancing in Deutschland
Wurden die langen Haare früher stundenlang mit Lockenwicklern in die sprungdynamische Ringellockenform gepresst, erspart man sich heute diesen Stress und kauft einfach ein Wig – ein Haarteil, dass es in unterschiedlichsten Formen und Längen gibt, aber immer die perfekte Lockung aufweist – natürlich zu horrenden Preisen. Schuhe, Strümpfe und diverse Accessoires sind noch nicht mitgerechnet.
Die Jungen mussten früher ein Jackett und einen Kilt tragen- meist in den Farben der Tanzschule oder in den Farben des Countys – also z.B. Senffarbenes Jackett, grüner Kilt und grüne Kniestrümpfe für Co. Kerry. Vor einigen Jahren zeigte die Commission dann Mitleid und ließ auch Hosen für die Jungs zu, was zur Folge hatte, dass im der Postille der Tanzwelt, dem „Irish Dancing Magazine“ , heftige Leserbriefdiskussionen aufkamen, was denn eines Dance-Champions würdiger sei- Kilt oder Hose. Die Jungs hat es gefreut, sie sind (fast) alle sofort auf die bequemeren Hosen und dünne Hemden umgestiegen und der Commission bis in alle Ewigkeit dankbar.
Die Tänzer müssen praktisch jedes Wochenende auf eine Competition, damit sich die Investitionen lohnen. Im Gegenzug erhalten talentierte Kids pro getanztem Wochenende ca. 5-6 Pokale und Medaillen unterschiedlichster Größe, so dass die geplagten Eltern früher oder später auch noch anbauen müssen, um die ganzen Preise würdig unterzubringen.
In abgesteckten Bereichen tanzt jeder Tänzer / jede Tänzerin die vorgeschriebenen Schritte zu den traditionellen Klängen irischer Live-Musiker, die die entsprechenden Tunes schon so oft gespielt haben, dass sie vermutlich dabei ein Nickerchen machen können und trotzdem weiterspielen. Musiker, die es gut mit den Tänzern meinen, spielen auch mal etwas schneller oder langsamer, damit Schritte und Musik zusammenpassen.
Das höchste Ziel sind natürlich die „World Championships of Irish Dancing“ die in jedem Jahr im Frühjahr stattfinden. Dann trifft sich die Welt-Elite des Irish Dance und es gibt am Ende ca. 30 World-Champions mehr, denn neben den Solotänzern, die in sechs oder sieben verschiedenen Altersstufen antreten, gibt es noch jede Menge Ceili- und Figuredance-Wettbewerbe, bei denen die Tanzschulen mit einem Großaufgebot an Tänzern richtig klotzen. Höhepunkt dieser Irish Dance World Championships ist aber ein Spektakel mit der Bezeichnung „Theatre and Drama“, in denen die Tänzer ihr schauspielerisches Talent zeigen können und oft nicht die perfekteste, sondern die originellste Darbietung gewinnt.
Andere Organisationen, wie z.B. die „An Comhdhail“ konnten sich gegen die allmächtige Commission nicht durchsetzen.Auch Bemühungen, Elitetänzer ohne den Wettbewerbsstress auszubilden, schlugen fehl, obwohlsich bekannte Tänzer wie Joanna Doyle, Haupttänzerin der europäischen „Riverdance“-Truppe, dafür engagieren. Traditionen sind in Irland eben tief verwurzelt.
Allerdings mussten sich die Funktionäre der Commission eingestehen, dass sie in Deutschland gründlich versagt haben, denn während der letzten Jahre hat sich hierzulande eine Irish Dance – Subkultur entwickelt, die es wohl in dieser Form in keinem anderen Land gibt.
Begonnen hat alles natürlich mit „Riverdance“, 1994 von den Produzenten als Pausenfüller zwischen Gesangsdarbietung und Punktezählen beim „Eurovision Song Contest“ gedacht. An den Gewinnersong kann sich keiner mehr erinnern (es waren Paul Harrington & Charlie McGettigan mit „Rock’n’Roll-Kids“, dritter Sieg der Iren in Folge und fast das finanzielle Todesurteil für den irischen Sender RTE), „Riverdance“ dagegen eroberte die Tanzwelt im Sturm. Die rund acht Minuten haben für den irischen Tanzsport mehr bewirkt, als die Jahrhunderte, in denen die fahrenden Dancemasters durch die irischen Lande zogen.
Natürlich schwappte die „Riverdance – Welle“ auch nach Deutschland über und löste einen Modetrend aus, der Tausende in die Tanzschulen stürmen ließ. All diesen hochmotivierten Hobby-Tänzern war es dabei herzlich egal, ob der Tanzlehrer von der Commission seinen Segen erhalten hat- sie wollten möglichst schnell die Schritte lernen, um dann zum nächsten Modetrend überzugehen. Leider haben die qualifizierten irischen Tanzlehrer in Deutschland, die seit Jahren klagen, nicht genug Schüler in die Klassen zu bekommen, diesen Trend komplett verschlafen. Tanzlehrer, die ihre Irish – Dancing -Ausbildung einem Riverdance-Video verdanken, freuten sich über volle Klassen und klingelnde Kassen, während die irischen Tanzlehrer zwar mächtig bellten, aber ohne die Commission, die von alledem im fernen Irland nichts ahnte, nicht zuschnappen konnten. Versuche, die geschäftstüchtigen Tanzlehrer zur Ablegung einer Prüfung zu bewegen, scheiterten kläglich..
Mittlerweile ist der Hype vorbei und die modebewussten Tänzer haben zum Glück neue Trends entdeckt. Auch die irischen Tanzlehrer sind wieder optimistisch, verdienen sie doch jetzt recht gut an den wirklich interessierten Hobbytänzern, bei denen sie nun jede Menge Fehler ausbügeln können. Nur für die heißgeliebten Competitions lassen sich eben viele Erwachsene nicht begeistern.
Neben all den offiziellen Tanzschulen gibt es aber ein weiteres Unikum in den deutschen Landen – Tanzgruppen, die ohne festen Lehrer und ohne Bindung an eine Tanzschule aus Spaß steppen, meist Erwachsene, die irgendwann – vielleicht auch durch „Riverdance“- die Freude am irischen Tanz entdeckt haben und dem unterhaltungswilligen Publikum eine gute Show bieten, die vielleicht den Ansprüchen der Commission nicht entspricht, den Zuschauern aber durchaus gefällt.
Allerdings muss man einräumen, dass jede Hobby-Tanzgruppe, die etwas auf sich hält, regelmäßig irische Tanzlehrer zu Workshops und gezieltem Unterricht einlädt, um an Schritten und Choreografien zu arbeiten. So bestätigt, drücken die Tanzlehrer dann auch ein Auge zu. Eine Auswahl der Tanzgruppen findet man übrigens auf der Seite www.irland.de unter der Rubrik „irischer Tanz“.
Eine dieser Tanzgruppen berichtete, dass bei regelmäßigen „Trainingscamps“ in Irland die Einwohner der jeweiligen Orte nicht schlecht staunten, „German Irish Dancers“ zu treffen. Es wurde sogar bei Jugendherbergsreservierungen gefragt, ob ein Erwachsener dabei sei. In Arklow kam der Bürgermeister, um die „exotischen Vögel“ zu bestaunen, die da eine Woche lang einen Squashplatz in einem Leisurecentre mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllten. Allerdings ist eine positive Eigenschaft der Iren Toleranz und Anerkennung der Leistung anderer- Deutsche würden wahrscheinlich bei schuhplattelnden Iren nicht so viel Beifall spenden, sondern eher peinlich berührt sein.
Irish-Dance, ein Bericht von Susanne Schlesinger
Wenn Sie selbst einmal nach Irland Reisen möchten, können Sie vor Ort Irish Dance live erleben.