Santy, der irische Weihnachtsmann
Yuwannaseesanteeeeee?" ist der Schlachtruf der irischen Eltern, wenn ihre Kinder im vorweihnachtlichen Shoppingtrubel kurz vor Erreichen der Grenze zum Wahnsinn sind.
Also der Moment, in dem das Kind ganz still wird, um Kräfte für einen Wutausbruch von epischen Proportionen zu sammeln. Der dann in unheimlicher Solidarität alle anderen Kinder in Hörweite, und die kann bei begabten Kindern mehrere Kilometer betragen, zu eigenen Darbietungen hinreisst.
Dann gibt es nur eins – “Santy” besuchen!
“Santy” ist der irische Standardbegriff für den Weihnachtsmann, die Verniedlichung des amerikanischen “Santa”, was die Verkürzung des “Santa Claus” ist, seines Zeichens Verballhornung des “Saint Nicholas”. Und da kollidieren die verschiedenen Traditionen – denn unser heutiger Weihnachtsmann ist eine Kombination aus dem christlichen Bischof Nikolaus und dem vorchristlichen “grünen Mann”, einer schamanistischen Figur. Sein rot-weisses Kostüm mag gar ein Hinweis auf die Verwendung des Fliegenpilzes zur Erlangung neuer Einsichten sein. Oder der Einfluss der Werbung eines amerikanischen, koffeinhaltigen Getränks.
Aber zurück zu “Santy” – in jedem Einkaufszentrum, das etwa auf sich hält, wird man zur Adventszeit “Santy” besuchen können. In seiner Grotte. Eine Leichtbaukulisse aus Pappmaché sorgt für das nötige Ambiente, ein Mann in einem schlecht sitzenden Kostüm gibt den Hauptdarsteller, als Elfen verkleidete Helfer koordinieren die Besucherströme, knipsen Fotos und kassieren ab. Denn ein Besuch in der Grotte des grossen Meisters wird für die Eltern schnell teuer – fünf Euro Eintritt (inklusive Geschenk von zweifelhaftem Wert) sind der Normalpreis, weitere Euros sind für ein schnelles Digitalportrait zwischen Plüschrentieren fällig. Und merkwürdigerweise gibt es in der Nähe immer Snacks, Eis, Cola, Bonbons, Luftballons …
Wer es sich leisten kann (und das scheinen nicht wenige Iren zu sein), der macht allerdings den Besuch bei “Santy” zum kleinen Wochenendtrip. Direkt ab Dublin fliegt man nach Lappland, übernachtet zweimal und trifft den Mann selbst am Polarkreis, umringt von echten Rentieren. Für glühende Nasen sorgt Punsch. Für das nötige Kleingeld ein Schnellkredit – für eine vierköpfige Familie gehen rund zweitausend Euro flöten.
Der echte Weihnachtsmann allerdings sitzt in Belfast – in der Postsortierstelle. Irgendwann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen die Briefe, die britische Kinder mit der Royal Mail an Santa Claus schickten, in ihrer Zahl so sehr zu, dass die Post vor einem Problem stand. Zurückschicken mit “Adressat unbekannt” und Tausenden von Kindern die Illusion nehmen? Nein – stattdessen richtete man die Postdepot “Reindeer Land” bei Belfast (Postcode: SAN TA1) ein, leitete alle Weihnachtsmannbriefe dahin und antwortete mit freundlichen Formbriefen.
Ergo: “Santy” ist Ire! Oder zumindest in Irland postalisch erreichbar.