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Martinmas und Remembrance Day

Traditionell begannen die Weihnachtsvorbereitungen in Irland schon am Abend des 10. November, dem "Eve of St. Martin" - also später als heute der Verkauf von Weihnachtsartikeln in den Kaufhäusern beginnt, aber weit früher als der Erste Advent.

Im 5. Jahrhundert begann nämlich am Martinstag, dem 11. November, die Adventszeit. Advent steht für “Ankunft”, in diesem Fall eben Jesu Christi auf Erden. Die Adventszeit selbst soll durch verschiedene Aktivitäten die Feier der tatsächlichen Ankunft des Erlösers in den Köpfen und Herzen der Menschen vorbereiten. Das geschah ursprünglich jedoch nicht durch Schokoladenhäppchen aus dem Adventskalender …

Eigentlich markierte der Martinstag nämlich den Beginn einer Fastenperiode, die die nächsten sechs Wochen anhalten sollte. Advent war Fastenzeit – heute kaum vorstellbar, wenn man sich die üblichen Adventskaffees ansieht. Und Advent war eine Zeit der ruhigen, kontemplativen Besinnung. Noch weniger vorstellbar, wenn man zur Geschäftszeit durch irische Geschäftsstrassen “schlendert”. Oder gar in eine der berühmt-berüchtigten “Office Christmas Parties” gerät.

Schon im sechsten Jahrhundert allerdings wurde die Adventszeit auf ihre heutige Länge gekürzt (die vier Sonntage vor Weihnachten), irgendwann fiel auch das Fastengebot weg. Für unsere Zwecke lassen wir aber das traditionelle irische Weihnachten einfach am 11. November beginnen …

Statt im Rahmen eines Umzugs mit Laternen begangen, wie in Deutschland oft üblich, wird Martinmas in Irland zum Schlachtfest.

In jedem Haus wurde am Vorabend, eben dem “Eve of St. Martin” oder “Martinmas Eve”, ein Tier geschlachtet. Dabei war man durchaus flexibel – Grossgrundbesitzer töteten eine Kuh, freie Bauern ein Schaf, zur Not tat es auch ein Huhn. Wichtig war eben die Schlachtung und das anschliessende Ritual, denn das Blut des Tieres wurde auf die Schwelle des Hauses und in jede Ecke geträufelt. Diese (recht heidnisch anmutende) Aktion sollte gewährleisten, dass böse Geister für ein Jahr dem Haus fernblieben.

Näher an der christlichen Tradition war dann der nächste Schritt. Denn so wie Martin seinen Mantel teilte, so wurde das Fleisch des getöteten Tieres unter den Armen und Bedürftigen in der Nachbarschaft verteilt. Damit hatten die ungewaschenen Massen dann ein Hähnchenbein zum Knabbern, aber keinen Schutz vor bösen Geistern.

Die Auswahl der Schlachttiere war dabei zum Teil ein längerer Prozess – in Wexford etwa war es im frühen 19. Jahrhundert noch Tradition, kranke Schafe oder Ziegen am Martinstag zur Ader zu lassen. Man schnitt ihnen ins Ohr und bat den Heiligen um Beistand. Überlebte das Tier, wurde es am nächsten Martinmas zu Ehren seines Retters geschlachtet.

Obwohl die Tradition des Blutopfers wohl vorchristlich sein dürfte, wird ihr Beginn oft mit dem irischen Nationalheiligen Patrick in Verbindung gebracht. Von ihm wird berichtet, dass seine Tonsur von Martin geschnitten wurde. Posthum sozusagen, denn der historische Martin starb am Ende des vierten Jahrhunderts, der historische Patrick lebte einige Jahrzehnte später. Ob dieser beeidruckenden Leistung begeistert, schenkte Patrick angeblich jedem Mönch und jeder Nonne zum Martinstag ein Schwein, dass dann eben zu Ehren Martins geschlachtet wurde.

Traditionell waren die Schlachtopfer am “Martinmas Eve” wahrscheinlich bis ins elisabethanische Zeitalter Schweine, schlichtweg weil sie die am weitesten verbreiteten Nutztiere waren. Das “Ehrenschwein” erhielt sogar einen Namen – Lupait. Später tendierte man gerade in kleineren Landwirtschaften zum Schaf oder, noch öfter, zu Federvieh. In den Küstenregionen musste auch gelegentlich eine Möwe das Opfer sein.

Aus der Sicht des Landlebens und ohne jede Mystifizierung macht die Tötung von Vieh zu dieser Zeit viel Sinn. Anfang November waren die Felder abgeerntet und das Frischfutter ging zur Neige, die Schweine buddelten sich die letzten Reste aus dem Boden und waren davon, von Wildfrüchten und anderen Gaben der Natur auf einem gesundheitlichen und gewichtlichen Höchststand. In den kommenden Monaten jedoch musste das Vieh mit dem überleben, was man eingelagert hatte. Oft nicht genug für alle Tiere, so dass bevorzugt Milch gebende, zur Zucht benötigte und “arbeitende” Tiere durchgefüttert wurden. Anstatt also zuzusehen, wie fette Eber den Säuen das Futter streitig machten und die eigenen Fettreserven nutzlos verbrannten, wurden die eben zu Blutwurst, Schinken, Speck und Leder verarbeitet.

Es gibt jedoch auch Hinweise in der irischen Folklore, dass das Tieropfer ein Ersatz für wesentlich dunklere Traditionen sein könnte. Zumindest in Ansätzen kann man noch vermuten, dass auch kränkliche Kinder zu Winterbeginn getötet wurden, um sie nicht “durchfuettern” zu müssen. Bislang scheinen jedoch archäologische Beweise auszubleiben.

Rätselhafter ist der Ursprung einer anderen Tradition, die den Martinstag selbst beherrschte. Es wurde zumindest vor der Mittagsstunde keine Arbeit verrichtet, bei der eine drehende Bewegung nötig war oder entstand. Mühlenräder wurden gestoppt, Spinnräder nicht benutzt, Wagen durften nicht fahren. Es wurde nicht gepflügt – und in Wexford weigerten sich die Fischer bis ins 19. Jahrhundert am 11. November zum Fang herauszufahren. Letzteres hatte lokalen Bezug, denn der Legende nach hatte die Erscheinung Martins dereinst die örtlichen Fischer vor einem Sturm gewarnt. Die, die ihn ignorierten, ertranken dann auch folgerichtig.

Wer sein persönliches Weihnachten im sehr traditionellen Stil beginnen will, sollte sich schlichtweg auf die Martinsgans stürzen – und dann fasten. Das macht natürlich niemand mehr (das Fasten zumindest). Also geniesst man ein gutes Essen, gedenkt des heiligen Martin, gibt eventuell einige Almosen (was das Verteilen des geschlachteten Tieres ersetzt) und besinnt sich ein wenig.

Ob man für den Tag ohne Drehbewegung auskommen kann, ist eine interessante Frage – versuchen Sie es ruhig einmal. Und bedenken Sie, dass vom PC-Lüfter über den CD-Spieler und den Umluftofen bis hin zur Fahrt zur Arbeit Drehbewegungen fast Ihr gesamtes Leben bestimmen, oft nicht direkt sichtbar. Als eine meditative Übung wäre ein Tag ohne diese künstlich erzeugten Drehungen vielleicht ein interessantes Erlebnis.

Am Rande sei erwähnt, dass vor allem in Nordirland gleichzeitig das Kriegsende im Westen 1918 mit Gedenken an die Opfer begangen wird. Äusseres Zeichen sind am Revers getragene Mohnblumen – in der Soldatenmythologie des Ersten Weltkrieges repräsentierten die roten Mohnblüten in Flandern das vergossene Blut britischer Soldaten. Paraden und Kranzniederlegungen an den verschiedenen Denkmälern gehören zur Tradition dieses Tages. Vor allem in Enniskillen … wo eine am Remembrance Day gezündete, massive IRA-Bombe zahlreiche Zivilisten tötete.
In der Republik und in republikanischen Kreisen im Norden wird der Remembrance Day, trotz der zahlreichen im Ersten Weltkrieg gefallenen irischen Soldaten geflissentlich ignoriert.




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