Christmas Eve (Heiligabend) in Irland
Irland hat Weihnachten vor allem als Fest der Familie bewahrt, als Gelegenheit, endlich einmal wieder in Ruhe und Besinnung zusammenzukommen.
Familienzusammenführung
Dieses Zusammenkommen hatte seinen Höhepunkt am Heiligabend. Wer aus welchem Grund auch immer nicht “daheim” war, mühte sich ab, egal wie, vor Sonnenuntergang am 24. Dezember am heimischen Herd zu sitzen. Daran hat sich wenig geändert – das Chaos auf Flughäfen und Strassen kurz vor dem “Fest der Liebe” lässt ganz andere Assoziationen aufkommen und hat teilweise (gepaart mit den verzweifelten Versuchen, letzte Geschenke zu besorgen) nahezu apokalyptische Ausmasse.
Post
Ähnlich friedlich und besinnlich gestaltet sich der Endspurt für die Postangestellten, denn wer nicht persönlich kommen kann, muss wenigstens schreiben. Auch im Zeitalter von Telefon und Internet ist die “christmas card” obligatorisch, selbst innerhalb der engsten Familie und zwischen Nachbarn. Wer bis zum Einbruch der Nacht am Heiligabend keine Karte geschickt hat, wird verfemt!
In früheren Zeiten enorm wichtig war jedoch der “American Letter”, die jährliche Kunde von den emigrierten Familienmitgliedern, die in der neuen Welt ihren Weg machten. Nicht nur aus sentimentalen Gründen sahen viele irische Haushalte diesem Brief mit einiger Erwartung entgegen. In den meisten Fällen enthielt der Umschlag nämlich nicht nur die besten Wünsche und einen Bericht über das persönliche Wohlergehen, sondern auch eine finanzielle Zuwendung!
Letzte Vorbereitungen
Auch in jeder anderen Beziehung war der 24. Dezember den letzten Vorbereitungen gewidmet. Hatte man die Grundreinigung von Haus und Hof ja schon in der Adventszeit hinter sich gebracht, war es jetzt noch einmal Zeit für eine letzte Nachreinigung. Und in der Küche herrschte Hochbetrieb – das Essen für die nächsten Tage musste vorbereitet werden!
Das wohl populärste traditionelle Weihnachtsessen in Irland war Rind , als Braten oder Kochfleisch. Vor allem “spiced beef” war ein Favorit auf dem Tisch, bis der Truthahn aus Nordamerika seinen Siegeszug antrat. Ärmere Leute gaben sich auch mit Corned Beef zufrieden, oft ein Geschenk der reicheren Grossgrundbesitzer aus den Schlachtungen vom Martinstag. In Ulster sehr verbreitet war ein gekochter Rinderkopf zu Weihnachten – bevor man “Iiiiigitt” ruft, sollte man sich daran erinnern, dass das dort befindliche Muskelfleisch das zarteste am Rind ist. Neben dem Rind war Geflügel gefragt, vor allem in Leinster und Munster – Huhn oder Gans gehörten hier zum typischen Weihnachtsessen dazu, allein oder in Kombination mit Rind und Schwein.
Und regionale Leckereien ergänzten das Menü: Eine Spezialität etwa aus Wexford war der “cutlin pudding”, den die Hausfrau ebenfalls am Heiligabend anrührte. Weizenmehlgrütze, Zucker, Trockenfrüchte sowie Gewürze ergaben eine reichhaltige Süssspeise. In Donegal gab es Pies in Form von Krippen verziert … Wie auch Pies allgemein populäres Backwerk in ganz Irland nicht nur zu Weihnachten waren (und sind).
Heute, in Zeiten von Elektroöfen, Mikrowellen und Fertigsaucen, ist der 24. Dezember weniger der Tag des Kochens, als vielmehr oft der Vorbereitung auf das Kochen gewidmet. Meist in Form letzter verzweifelter Einkäufe, wenn man noch eine Kleinigkeit vergessen hat. Oft genug in Form eines Kompletteinkaufs am Rande des Wahnsinns. Läden wie Dunnes oder Tesco haben schon lange die Zeichen der Zeit gesehen und bieten non-stop-shopping rund um die Uhr an. Wer noch nie um 4 Uhr morgens in einem Supermarkt den Wagen vollgepackt hat und die Schilder bestaunt “nächste Truthahnlieferung 7 Uhr – strictly one per customer”, der hat noch nicht echte irische Weihnachten im XXI. Jahrhundert erlebt!
Dass man bei all der Hektik dann letztlich auch den Appetit verlieren kann, ist nicht unpraktisch – Heiligabend wurde oftmals als Fastentag begangen und das Abendessen (nach Sonnenuntergang) war für viele Iren die erste Mahlzeit des Tages. Meistens Weissfisch mit Kartoffeln und Sosse. Danach allerdings war es mit dem Fasten vorüber …
"Grüssenschuss"
Eine heute fast ausgestorbene Tradition ist der sogenannte “Grüssenschuss”, ein Salutschiessen am Mittag des 24. Dezember. Dieser Brauch ist nicht irisch, sondern wurde durch die Pfälzer Siedler nach Irland gebracht. Obwohl die Pfälzer schon relativ früh assimiliert waren, hat sich dieser Brauch im County Limerick noch bis in die Neuzeit gehalten.
Ähnliche Salutschüsse um die Weihnachtszeit sind (allerdings auch ohne Pfälzer Einfluss) aus England bekannt!
Weihnachtskerzen
Gegen Abend sollten dann auch im letzten Haus Ruhe und das letzte noch ausstehende Familienmitglied eingekehrt sein. Dann war es Zeit, die Weihnachtskerzen anzuzünden.
Wer jetzt an “Oh Tannenbaum” denkt, liegt rein traditionell gesehen falsch – die geschmückte Tanne ist wiederum ein Import aus Skandinavien und Deutschland. Und erst seit wenigen Jahrzehnten Teil der irischen Weihnacht. Nein, die irische Kerzentradition ist anders. Nach Sonnenuntergang, gegen 18 Uhr, wurden grosse Kerzen in die Fenster des Hauses gestellt. Dies war Aufgabe des Hausherren, und jeweils eine Kerze repräsentierte einen Hausbewohner. Parallel durften die Kinder kleinere, oft auch bunte Kerzen aufstellen. Wie lange die Kerzen brennen gelassen wurden, hing vom Sicherheitsdenken der Bewohner ab – meist löschte man sie zur Bettzeit, einige aber liessen sie auch die Nacht durch brennen und löschten sie erst auf dem Weg zur Frühmesse. Zentrale Kerze des Hauses war übrigens “coinneal mór na Nollag”, die grosse Weihnachtskerze. Hatte man die Kerzen angezündet, sprach man gemeinsam das Angelus und konnte dann mit der Feier beginnen.
In manchen Haushalten verwendete man auch spezielle dreiarmige Leuchter oder Kerzen mit drei Dochten, um die heilige Dreifaltigkeit zu repräsentieren. Und oft wurde das Anzünden der wichtigsten Kerze dem jüngsten Mitglied des Haushalts überlassen, ein kraftvolles Symbol für Wiedergeburt und Zukunftshoffnung.
Der Ursprung und “Sinn” der Kerzenrituale ist vielschichtig interpretiert worden.
Der Ursprung des Weihnachtsfestes liegt, zumindest kalendarisch, wahrscheinlich in vorchristlichen Sonnenwendritualen. In der Zeit der geringsten Sonnenscheindauer wurde mit Lichtritualen dafür gesorgt, dass eine “Wiedergeburt” der Sonne (oder des Sonnengottes) stattfinden konnte. Dazu gehören Feuerrituale, die vielleicht direkten Vorläufer der Weihnachtskerzen, genauso dazu wie astronomisch ausgerichtete Konstruktionen im Stil von Newgrange. Im Volksglauben allerdings wurden solche heidnischen Ursprünge für Rituale schnell vergessen und durch eine ganz neue Mythologie ersetzt, teilweise gefördert durch die Kirche, teilweise vollkommen autonom entstanden.
In Irland sagt man, dass die Kerzen im Fenster an die Situation der Heiligen Familie in Bethlehem erinnern soll. Und gleichzeitig als Signal, dass sie in eben diesem Haus Unterkunft gefunden hätten. Dass die Türen nicht verschlossen wurden, versteht sich von selbst. Manche Haushalte gingen sogar so weit, einen komplett gedeckten Tisch über Nacht stehen zu lassen. Dabei ist nicht ganz klar, in wie weit man tatsächlich an eine Präsenz der Heiligen Familie glaubte – Geschichten von einsamen Wanderern, die am Heiligabend Unterkunft fanden und dann auf merkwürdige Art verschwanden, sind jedenfalls Teil der Volksmythologie nicht nur in Irland.
Dabei handelte es sich aber nicht unbedingt um Mitglieder der Heiligen Familie – oftmals war es auch ein Ritual, eine besondere Kerze für ein im vergangenen Jahr verstorbenes Familiemitglied anzuzünden. Denn, so glaubte man, auch die Geister der Verstorbenen kehrten zu Weihnachten nach Hause zurück.
Übrigens – noch Mitte des XX. Jahrhunderts konnte man regional verteilt bestimmte Kerzenfarben an Weihnachten verwendet sehen. So waren Limerick und Clare für weisse Kerzen bekannt, in den Midlands wurden rosa Kerzen bevorzugt und in Dublin blaue. Der Rest des Landes bediente sich bei grünen und roten Kerzen. In Killarney allerdings musste die Kerze substantiell sein, angeblich war ein Mindestgewicht von sechs Pfund gefordert!
Das erste Weihnachtsessen
Waren alle diese Vorbereitungen abgeschlossen, bestieg man vielleicht noch einen Hügel in der Nähe, um die von den kerzengeschmückten Fenstern fast mystisch erleuchtete Landschaft zu bewundern. Das ist allerdings ein fast ausgestorbener Brauch – abgesehen vom Lichtsmog, der auch in Irland zunimmt, lenken Halogenstrahler zur Aussenbeleuchtung und sinnlos blitzende Alarmanlagen das Auge zu sehr ab.
Aber das erste richtige Weihnachtsessen beginnt schon am Heiligabend – der Weihnachtspudding wird angeschnitten, dazu gibt es Tee und Punsch, für die Kinder Süssigkeiten und Äpfel.
Irgendwann ging man dann in Erwartung des Weihnachtsmorgens einfach ins Bett … nicht jedoch ohne die Nachtgebete, die am Heiligabend besonders inbrünstig von Kindern gesprochen wurden, weil sie im Volksglauben gewissermassen Erfüllungsgarantie haben. Und Aufmerksamkeit hat man ja ohnehin, steht doch auf jeder Spitze der Ilex ein Engel!