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Treffen mit John Kelly im Museum of Free Derry

Die Begegnung mit John Kelly im Museum of Free Derry wird mir wohl noch lange, wenn nicht sogar für immer im Gedächtnis bleiben. Die Erinnerung ist ein Privileg. John Kelly verlor vor 40 Jahren beim „Bloody Sunday“ in Derry seinen Bruder.

Reisebericht von Antje Raecke
Reisebericht von Antje Raecke

Sein Weg zur Arbeit führt 30 Meter an dem Ort vorbei, an dem sein Bruder starb. Das Gebäude, in dem John Kelly arbeitet, ist renoviert. Aber in der Fassade klaffen zwei Einschusslöcher. Stumme Zeugen einer der schlimmsten Tage in der Geschichte Nordirlands, dem Bloody Sunday in Derry.

All das sieht der heute 63-Jährige, der seit fünf Jahren im Museum of Free Derry arbeitet, jeden Tag. Ständig an die Tragödie seines Landes, die auch die seiner Familie ist, erinnert zu werden, sieht er nicht als Bürde, sondern als Privileg.

„Mein Bruder kann nicht mehr für sich sprechen, also mache ich es“, sagt Kelly. Jemand muss es tun. Jemand muss an den Tag erinnern, an dem britische Fallschirmjäger auf friedliche Demonstranten schießen und 13 Menschen töten.

Museum of Free Derry
Museum of Free Derry

Unter ihnen der 17-jährige Michael Kelly. Ein Junge, der mehr aus Neugier, denn aus politischen Gründen an dem Protest für Bürgerrechte und gegen willkürliche Verhaftungen durch die britische Polizei teilnimmt.

„Wir sind gemeinsam aufgebrochen, ich habe ihm noch einige Ratschläge gegeben. Es war ja sein erster Marsch.“ Als John Kelly seinen Bruder das nächste Mal sieht, wird dessen lebloser Körper hastig in ein Haus in der Bogside getragen.

Die Bogside gibt es heute noch. Das Viertel entstand einst als Enklave der Katholiken. Versehen mit Barrieren als Schutz vor Übergriffen durch die Armee wurde es zur „No-Go-Area“ für pro-britische Protestanten, zu einem rechtsfreien Raum.

Große Wandbilder, sogenannte „murals“, führen hier Besuchern überlebensgroß die Ereignisse vom 30. Januar vor 40 Jahren vor Augen. Es sind Fotografien, die auf Hauswände gemalt wurden. Am Ende der Bilderreihe liegt das Museum of Free Derry. Das Flachdachgebäude ist klein, fast hat es den Eindruck, als ducke es sich, ziehe sich zurück in den typischen Bogside-Hinterhof.

Museum of Free Derry
Museum of Free Derry

Es ist ein ehemaliges Wohnhaus. Die Großeltern von James „Jim“ Wray wohnten 1972 dort. Ihr Enkel wird vor ihrer Haustür durch zwei Schüsse in den Rücken umgebracht. Genau hier und nirgendwo anders muss an den „Bloody Sunday“ erinnert werden, betont Kelly. Nur so können Besucher die Ereignisse nachempfinden.

Draußen die Einschusslöcher und Wandbilder, drinnen Fotos, Videos, die Kleidung der Opfer, Kreuze mit ihren Namen. Und eine Geräuschkulisse, die nur schwer zu ertragen ist. In einer Dauerschleife läuft ein Tonband, das eine britische Journalistin während der Demonstration produzierte. Zu hören sind erst die Gesänge, dann die Schüsse. Schreie und Panik kommen leicht verzerrt durch die Lautsprecher direkt beim Besucher an.

Museum of Free Derry
Museum of Free Derry

Es sind Erinnerungen, die sich ohne Tonband und ohne Bilder fest in John Kellys Kopf eingebrannt haben: „Ich kann ihnen nicht entkommen. Niemals.“
Es hilft auch nichts, dass der inzwischen als Ergebnis eines Untersuchungsausschusses der britischen Regierung fertiggestellte „Saville Report“ besagt, dass die Demonstranten unschuldig sind, die Schuld eindeutig bei den britischen Soldaten liegt. Demnach war es „Soldat F“, der Michael Kelly und drei weitere tötete.

Für ihn empfindet John Kelly nichts: „Am liebsten sähe ich ihn vor Gericht, wie er verurteilt wird. Er hat gewusst was er tat, als er vier unschuldige Menschen umbrachte.“ Dass der Angehörige der Armee bislang öffentlich keine Reue und kein Wort der Entschuldigung geäußert habe, macht es für den Nordiren nicht einfacher. Er scheine in all der Zeit nichts aus seinem Verhalten gelernt zu haben. Daher gibt es für Kelly „no forgiveness“.

Angst, dass sich Geschichte wiederholen könnte, hat er nicht. Zu sehr hätten sich die Menschen den Frieden schätzen gelernt. Auch, wenn der Konflikt mancherorts noch schwelen mag, „die Gruppe ist zu klein.“ John Kelly wird sich weiterhin Tag für Tag auf den Weg ins Museum machen, um genau das zu verhindert. Denn: „Die Menschen kommen zu uns, um zu lernen. Und wir sind hier, um zu unterrichten.“

Text und Fotos: Antje Raecke

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