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Der Blues von Ballyshannon

Ein ausführlicher Auszug aus meinem Reisetagebuch meines nur kurz zurückliegenden siebentägigen Irland-Trips in der ersten Maiwoche. Ich war wie immer begeistert von Irland, der Westküste und von Ballyshannon...

Irland Reisebericht Dieter Mross
Irland Reisebericht Dieter Mross

Der Blues von Ballyshannon

Montag, 2.Mai 2016

Nach einer langen Fahrt von Westport herauf kam ich am späten Nachmittag in Ballyshannon an. Es war eher ein Zufall, dass ich in Ballyshannon übernachten würde. Ursprünglich wollte ich mich in Donegal Town, nicht weit entfernt von Ballyshannon mit einem Musiker, den ich daheim im Allgäu kennengelernt und auf einigen Konzerten im Lauf der Jahre in Kempten und Memmingen gehört habe, treffen. Das Treffen kam leider kurzfristig nicht zustande und ich war schon unterwegs. Mein Ziel war somit wieder einmal das wilde und raue County Donegal, unbedingt meine Lieblingsgrafschaft, diesmal nur der südliche Teil des Countys und von dort weiter zum Lough Erne im County Fermanagh im angrenzenden Nordirland. Somit blieb ich unverhoffter Dinge in Ballyshannon hängen, da ich zum weiterfahren einfach zu müde war und es war im nachhinein eine Entscheidung, die ich nicht bereut habe, denn in Sachen irischer Musik konnte ich mich weiterbilden, unbedingt ebenso!

Unmittelbar auf dem Roundabout zur Stadteinfahrt standen ehrenamtliche Männer mit gelben Warnwesten und Plastikeimern; sie hielten die Autos mit ihnen bekannten Bürgern auf, um für irgendeinen guten Zweck zu sammeln. Momentan liefen allerorts Charities in den Pubs. Ich bog links ab, überquerte die Brücke über den Fluss Erne, der stadtauswärts in den Atlantik mündet, und hielt am Parkplatz unterhalb der Stadt, um mich nach einer Unterkunft zu erkundigen. Ich hielt den erstbesten Vorbeikommenden, einen etwas heruntergekommenen Typen auf, um nach einem Hostel oder B&B zu fragen. Natürlich war er sehr hilfreich, wie ich es von den Iren kenne, zeigte auf die andere Uferseite der Stadt und erklärte mit nuschelndem Slang, wo ich ein nahegelegenes B&B finden könnte, Orientierungspunkt ein Pub – wie könnte es auch anders sein -, das man vom Parkplatz aus sehen konnte. Also wieder zurück über die Brücke und den Roundabout, am Pub vorbei in eine enge Gasse, wo sogar ein Parkplatz vor dem B&B frei war. Die Tür des B&B, das bestimmt auch schon bessere Tage gesehen hatte, wurde von der Landlady, die mich durch ihre dicken Brillengläser etwas distanziert ansah, geöffnet. Zimmer waren noch frei, über eine steile Stiege zeigte sie mir ein kleines, gemütliches Zimmer, 40 Euro für die Nacht, in Ordnung. Das Zentrum nicht weit entfernt, Pubbesuch gesichert. Schnell kam Herzlichkeit auf, ob ich noch einen Tee möchte. Ich lehnte ab, denn ich wollte das gute Wetter ausnutzen, Ballyshannon auf einem kleinen Spaziergang erkunden, etwas essen und den Tag bei dem einen oder andern Stout in dem einen oder anderen Pub ausklingen lassen.

Kurz vor der Straße, die wieder zur Brücke und zur Town abzweigte, ein erster Fingerzeig auf Rory Gallagher: Ein Schild mit dem Hinweis auf sein Geburtshaus. Das wusste ich nicht, Rory Gallagher in Ballyshannon geboren, interessant. Bisher hatte ich mich nicht besonders mit Rory beschäftigt, obwohl ich den Blues über alles liebe, mehr noch als Irish Folk. Rorys Musik war mir bisher, aus welchen Gründen auch immer, nicht besonders geläufig, Schande über mich! Ich folgte dem Schild einen Hügel hinauf, wo kleine Arbeiterhäuser angesiedelt waren, aber sein Geburtshaus fand ich nicht, wollte auch nicht groß suchen. Rory wurde 1948 in Ballyshannon geboren, 1995 starb er im Alter von 47 Jahren nach einer Lebertransplantation, die aufgrund seines Alkoholismus erforderlich wurde. Die trinkfreudigen Iren und der Alkohol, auch keine Neuigkeit, die aufschreckt. Jedoch was für eine grandiose Kombination: Rory, ein Ire aus dem County Donegal und Rock-Blues-Musiker.

Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross
Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross

In der Gasse fielen mir bereits beim Vorbeigehen zwei gegenüberliegende Läden auf, die mich noch, bevor ich mich endgültig dem Towncenter zuwenden wollte, auf einen kurzen Besuch anlockten: Der eine ein kleiner Laden mit Sporttextilien in der Auslage, besonders das Trikot der irischen Fußballnationalmannschaft stach mir ins Auge, der andere Laden ein Wein-und Whisk(e)yladen. Besonders aufgefallen in dessen Auslage sind mir zwei Gitarren und daneben ein gerahmtes Bild mit dem Konterfei von … Rory Gallagher – of course, Rory ist immer noch allgegenwärtig in Ballyshannon! Und es handelte sich hier garantiert um zwei Originalgitarren von Rory. Bekannt war seine stark gebrauchsgenutzte Stratocaster, die er in ihren wesentlichen Teilen immer wieder erneuern ließ.

Er war nicht nur einer der besten weißen Rock-Blues-Musiker, sondern er muss auch ein sehr sympathischer Mensch gewesen sein (da habe ich mich später einfach schlau gemacht, ich warte mittlerweile gespannt auf eine Neuauflage seiner Biographie).

Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Florian Mross
Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Florian Mross

Nichtsdestotrotz, ich steuerte den Sportladen an, das grasgrüne Trikot der Nationalmannschaft musste mir schleunigst gehören. Pech, der Laden war abgesperrt! Glück, der ältere Weinhhändler auf der anderen Seite hatte mich bereits ausgemacht und gab mir zu verstehen, dass sein Sohn der Ladeninhaber sei. Er lud mich in seinen Laden ein, griff zum Mobile (Nota bene: in Eire nicht Handy genannt!), um seinen Sohn über einen potentiellen Kunden zu informieren. Währenddessen blickte ich mich im Laden um, was ich ja sowieso vorhatte. Es ist ein niedriger, gemütlicher Laden mit dunklen Holzvertäfelungen mit einem eigenen Geruch nach Vergangenheit und fernab jeglicher Sterilität moderner Läden mit grellen Lampen, Lichtern und einem Überangebot an Werbung. Hinter dem Tresen rechterhand in Regalen feinste Single Malts aus Schottland und Irland. Ansonsten Weinregale, in der Mitte des Raums einige Körbe mit Sonderangeboten. Der Weinhändler stellte erst die üblichen Fragen, woher ich sei, ob auf Urlaub und dann für mich die ungewöhnliche, für Ballyshannon aber trotzdem wiederum übliche Frage, ob ich wegen Rory Gallagher in die Stadt gekommen sei. Schließlich stand auch das alljährliche, dreitägige Rory-Gallagher-Tribute Festival im Juni an. Dazu konnte ich ihm nur antworten, dass ich Rory und seine Musik schätze (ich ungebildeter Narr!). Weiter kam ich nicht, denn der Sohn trat ein und führte mich hinüber in seinen Laden. Das grasgrüne Trikot war in meiner Größe vorrätig, es kostete nur den halben Preis, da es nicht mehr das aktuelle Trikot der Nationalmannschaft ist – egal mit diesem Dress kann ich mich daheim auf jedem irischen Konzert oder dem Irish-Folk-Festival in Landsberg als Irland-Freak outen, außerdem sind die Iren ja Teilnehmer bei der Fußball-Europameisterschaft 2016. Wir überquerten wiederum die Gasse, sein Gerät zur Verbuchung meiner Kreditkarte funktionierte momentan nicht, beim Vater auf der anderen Seite wäre dies möglich. Also zurück zum Weinhändler, den Deal abschließen. Der Vater bat mich, einen Augenblick zu warten, er hätte da ein Buch für mich, ging in den hinteren Teil des Ladens und kam doch tatsächlich mit einem Programmheft des Tribute-Festivals von 2011 in der Hand auf mich zu und machte es mir zum Geschenk, was für ein großartiger Tag. Ich verließ den Laden mit einem grasgrünen Trikot und einem wunderbaren Festival-Programm. Aber es kam noch besser, der Sohn kam in der Gasse hinter mir her gestürzt. Auch er hielt etwas in der Hand, ein noch eingepacktes Festival-T-Shirt aus dem Jahre 2009 in meiner Größe, er hatte es auf die Schnelle herausgesucht aus dem Fundus des Vaters und mir freudestrahlend zum Geschenk gemacht. Ja, so sind sie “meine” Iren, diese Gastfreundschaft und ehrliche Herzlichkeit liebe ich und deshalb zieht es mich immer wieder mal auf meine Lieblingsinsel.

Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross
Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross

Ich lud meine Pretiosen im Kofferraum meines Leihwagens ab, denn die Läden waren nicht so weit entfernt von meinem B&B und machte mich endlich auf, die Brücke ein weiteres Mal in Richtung Towncenter zu überqueren. Gleich nach der Brücke gegenüber des Parkplatzes ein aufgegebenes Ladengeschäft, das als Vorverkaufsstelle für das Tribute-Festival diente. Hier führt die Straße ebenfalls einen Hügel hinauf und gabelt sich genau vor einer Bronzestatue, die dort exponiert den Vorbeikommenden in ihren Bann zieht. Wohl brauche ich nicht mehr groß zu erwähnen, wer hier lebensgroß thront und über seine Stadt posthum wacht: Rory Gallagher, der mir in diesen wenigen Stunden schon unglaublich ans Herz gewachsen ist. Mit wehenden Haaren, der junge Rory in Bronze gegossen, in Vorwärtsbewegung wie der Blues, den er spielte. Der Körper vornübergebeugt, die Stratocaster (Rory’s Strat) beinahe geschützt von seinem Oberkörper wie ein Baby. Man kann das Solo heraushören, rasend schnell und glasklar gespielt, der Blues in Ballyshannon!

Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross
Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross

Ich hatte endlich Hunger verspürt nach soviel Rory, fragte im Pub “Dicey Reilly’s”, wo es etwas anderes als Fastfood gäbe. Der Schankkellner empfahl mir die “Limit Bar”, dazu müsste ich über die Brücke gehen auf die andere Uferseite. Ob ich die Brücke kenne, fragte er. Ja, mittlerweile kannte ich auch die Brücke. Mitten auf der Brücke hielt ich kurz an, um den Lauf des Erne in den nahen Atlantik und den Donegal Bay zu beobachten und zu geniessen. In der “Limit Bar” gab es hervorragende Fish (schneeweißer Kabeljau) & Chips mit Salat, dazu ausnahmsweise Tee mit Milch, Guinness dann im “Dicey Reilly’s”, hatte ich mir vorgenommen (dazu war wieder ein Gang über die Brücke angesagt). Aber es war der Montag, ein Feiertag nach dem Spring Bank Holiday-Wochenende, die skurrilen Ausmaße dieses Wochenendes hatte ich in Westport erlebt, und es war tote Hose im Pub. Egal, ich saß am offenen Kamin, die Füße vor einem Torffeuer ausgestreckt und genoss mit einem Pint in der Hand den vergangenen Tag, angefüllt mit Eindrücken und Betrachtungen über Rory Gallagher, dem Blues von Ballyshannon und einer Brücke.

Text und Bilder: Dieter Mross

Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross
Irland Reisebericht von Dieter Mross, Foto: Dieter Mross

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