Irland Wetter
Betrachtungen über den irischen Regen
Dieser folgende Text ist unseren Irlandfreunden aus diesem Sommer (nein: nicht aus April und Mai) gewidmet, die das Irland Wetter „erwischt“ hat.

Irland Wetter
“…Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen.”
Der Regen, der, so Heinrich Böll, „ absolut, großartig und erschreckend“ sei (siehe unten).
Aber lesen Sie selbst …
Ein sehr guter Freund aus Dingle klagte, er habe in den ganzen vier Wochen seinen Rasen nicht schneiden können. Seit Jahrzehnten habe er so ein Irland Wetter noch nicht erlebt. Ähnliches erfuhren wir aus Doolin – hier soll es gar acht Wochen kalt und regnerisch gewesen sein. Deprimierend. Von Fährgesellschaften wurde bekannt, dass es noch nie so viele kurzfristige Umbuchungen gegeben habe – der Rückfahrt.
„Das wird schon wieder besser“ – so haben sich viele trösten lassen, obwohl es nicht besser wurde.
Vielreisende nach Irland haben die Gnade des „nächsten Mals“. Ersttäter mögen sich geschworen haben: nie wieder Irland. Das wäre schade – Irland ist immer einen zweiten Versuch wert. Denn auch aus sonst regelmäßig als Sonnenziele bekannten Urlaubsländern gab es ähnlich nasse Nachrichten. Und bei uns in Deutschland war es ja auch kaum besser…
Konnte das wenigstens ein kleiner Trost sein?
Regen & Tourismus
Land unter – Rekord-Regenfluten im August
„It never rains but it pours“ – wenn der Spruch je gerechtfertigt war, dann an diesem zweiten Augustwochenende. Von Freitag auf Samstag fiel die gesamte Regenmenge eines Monats und sorgte für ein einziges Überschwemmungschaos.
Straßen wurden zu Wasserstraßen, Felder zu Seen, Keller liefen voll, der Verkehr brach zusammen, Menschen mussten evakuiert werden. Und es sind neue Wolkenbrüche vorhergesagt.

Irland Wetter 2008
Gummistiefel und Sandsäcke
Gummistiefel und Sandsäcke waren die gefragtesten Artikel in Irland. Mit Eimern, Kellen und Schaufeln hat die Beseitigung der Flutschäden begonnen. Feuerwehr und Zivilschutz waren im Einsatz, um gestrandete Autofahrer und von den Fluten in ihren Häusern isolierte Bewohner zu bergen.
Am Flughafen in Dublin wurden von Met Éireann an dem Samstag 76,2 mm Niederschlag gemessen, ein Rekord für August – und der zweithöchste Wert überhaupt. Weite Teile Dublins standen unter Wasser, wie überhaupt die Ostküste und die Midlands besonders stark betroffen waren.
Die Aufräumungskosten und Reparaturarbeiten an Häusern und Straßen werden in die Millionen gehen. Das volle Ausmaß der Schäden – vor allem auch für die Landwirtschaft – ist noch nicht abzuschätzen. Allein in Dublin dürften über sechshundert Gebäude Wasserschäden davongetragen haben. Am schlimmsten betroffen waren hier laut Irish Times die Bereiche Swords, Collins Avenue und Drumcondra im Norden Dublins, Knocklyon und Firhouse im Süden sowie Clonee in Co. Dublin. Auch die M50 war teilweise durch die Wassermassen blockiert.
Tullamore Show abgesagt
Besonders hart traf es die Tullamore Show, zu der 50.000 Besucher erwartet wurden. Nach dem totalen „Wash-out“ im letzten Jahr musste das größte landwirtschaftliche Fest in Irland zum zweiten Mal hintereinander kurzfristig abgesagt werden.
Auch die Pferderennbahnen in Kildare waren betroffen, und in Dublin musste das Freundschaftspiel zwischen den Shamrock Rovers und dem FC Sunderland abgesagt werden, nachdem sämtliche Straßen rund um Tolka Park unpassierbar geworden waren.
Kritik an Met Éireann
Laut dem Meteorologen Jim O’Brien von Met Éireann wurden die heftigen Niederschläge durch eine Kombination von Gewittern ausgelöst, wie man sie sonst eher auf dem Kontinent findet. „Solche Regenfälle sind selten – aber nicht einzigartig. Wir haben Niederschläge eines solchen Ausmaßes schon mehrmals erlebt, typischerweise etwa einmal pro Jahrzehnt.“ Allerdings hätte es keine Anzeichen für das Ausmaß der Niederschläge gegeben. Selbst am Samstagvormittag sei nur mit Gewitterschauern gerechnet worden.
Es hagelte denn auch Kritik für Met Éireann, weil die Flutwarnungen zu spät gekommen seien. Aber auch Kommunalpolitiker kamen unter Beschuss, weil Kanalisation und Dränagen nicht ausreichend in Schuss gehalten würden, um mit solchen Fluten besser fertigzuwerden.
„Unverhältnismäßig viel Schaden und Chaos“
Eine solche Regenmenge sei ein Ausnahmefall, kommentierte der Irish Examiner, trotzdem müsse die Frage gestellt werden, warum sie so „unverhältnismäßig viel Schaden und Chaos“ angerichtet habe. „Es erinnerte daran, was passiert, wenn wir eine gehörige Ladung Schnee kriegen: Das ganze Land kommt zum Stillstand. Sind wir einfach nicht dafür ausgestattet, um mit solchen Eventualitäten umzugehen, oder könnte es sein, dass unsere Infrastruktur für das Klima einer anderen Zeit gebaut wurde?“
***
Wetter, Wechselkurs & Wirtschaftskrise
2008 ein hartes Jahr für den irischen Tourismus
Fáilte Ireland befürchtet, dass 2008 das kritischste Jahr für den irischen Fremdenverkehr seit einem Jahrzehnt werden könnte. Eine Kombination aus miserablem Wetter, weltweiter Finanzkrise und wirtschaftlicher Rezession in Irland sowie nachteiligen Wechselkursen, die vor allem amerikanische Touristen abschrecken, bestimme das pessimistische Szenario, so Joe Palmer von Fáilte Ireland.

30% Rückgang des Golftourismus
„Schwieriges Jahr“
Palmer, der für den Südosten Irlands spricht, sagte, angesichts der Fluten, die sich über Irland ergießen, klinge der Spruch vom „sonnigen Südosten“ etwas „hohl“. Das habe die Besucherzahlen deutlich beeinflusst. Der Trend zeige nach unten. Vor allem auch, weil der Südosten sehr auf den irischen Binnentourismus angewiesen sei – und angesichts der Wetterlage blieben die Leute entweder zu Hause oder machten sich auf in sonnigere Gefilde.
Dies werde ein „schwieriges Jahr“, sagte er weiter. „Niemand, der neu in der Branche ist, wird mit Umständen wie in diesem Jahr konfrontiert worden sein.“ Pat Casey vom Wicklow Tourism Board haut in dieselbe Kerbe: Das Echo aus der gesamten Grafschaft sei „übereinstimmend negativ“. Mit Rückgängen um zwanzig Prozent sei zu rechnen.
Irische Besucher würden nicht nur vom Wetter abgeschreckt, sie fühlten auch die Auswirkungen der Rezession in ihrem Geldbeutel. Dazu der schwache Dollar und das schwache Pfund, die internationale Besucher tangierten.
Amerikaner bleiben aus
Letztes Jahr leistete die Tourismusbranche einen Beitrag von 6,5 Mrd. Euro zur irischen Gesamtwirtschaft. Das wird dieses Jahr schwerlich zu wiederholen sein. Hauptgrund ist, dass sich deutlich weniger Amerikaner in Irland tummeln. Normalerweise sind die Golfplätze, Hotels und Souvenirshops im Sommer fest in der Hand der US-Touristen – nicht in diesem Jahr. Lahinch verzeichnete einen dreißigprozentigen Rückgang im Golftourismus, wie überhaupt gerade Luxusferien und Luxushotels unter dem verschärften Klima leiden.
Auch britische, französische und deutsche Touristen – die mit zu den wichtigsten Märkten für Irland zählen – müssen mehr auf ihr Geld achten und lassen weniger davon im Land. Das kann nur teilweise durch neue Märkte kompensiert werden, obwohl, wie Tom Coffey von der Dublin City Business Association sagte, die Zahl der Irlandbesucher insgesamt auch in diesem Jahr steigen werde. Vor allem dank neuer Märkte wie Osteuropa. Doch Besucher von dort geben weniger aus als die amerikanischen Touristen, die – wie Insider bemerken – in Jahren, in denen Präsidentschaftswahlen stattfinden, eh weniger reisefreudig seien als sonst.
Verbraucherparadies?
Wie die Irish Times berichtete, wird deshalb 2008 erstmals seit vier Jahren ein wirtschaftlicher Rückgang im Tourismus zu verzeichnen sein, unter dem besonders die Hotels leiden. 53% aller irischen Hotels hätten im Juni rückläufige Buchungszahlen gemeldet – nur 27% einen Zuwachs. Überkapazität ließ im Juli erstmals seit Jahren die Übernachtungspreise in irischen Hotels leicht zurückgehen.
Joe Palmer gelingt es denn auch, der ganzen Geschichte noch etwas Gutes abzugewinnen. Tolle Schnäppchen böten sich jetzt Kurzentschlossenen: „Wir haben im Moment ein Verbraucherparadies, denn nie gab es so viel Wettbewerb. Jetzt sollte man Ferien machen.“
Hab erbarmen, Indra
Endlich ist dieser Horrormonat vorbei. Es war der feuchteste August, seit die Aufzeichnungen vor 171 Jahren begannen - täglich reines Herbstwetter zum Quadrat.
VON RALF SOTSCHECK (taz)
Endlich ist dieser Horrormonat vorbei. Es war der feuchteste August, seit die Aufzeichnungen vor 171 Jahren begannen – täglich reines Herbstwetter zum Quadrat. Im keltischen Kalender beginnt der Herbst ja auch am 1. August. “Lughnasadh”, so haben die Kelten diese Jahreszeit nach ihrem Gott Lug Lamfhota benannt, was “klug mit langen Armen” bedeutet. Die langen Arme hatte er vermutlich vom Schwimmen. Lughnasadh war bis ins 19. Jahrhundert die Zeit des “Handfastings”, der Ehe auf Probe, die ein Jahr und einen Tag dauerte. Danach konnte man die Sache beenden oder einen Bund auf längere Zeit eingehen. Außerdem läutete der August die Ernte ein, es war eine Zeit der Märkte, Familienzusammenkünfte und anderer Festlichkeiten.
Die fielen in diesem Jahr aus. Sogar die große Landwirtschaftsmesse in Tullamore, das wichtigste Ereignis im bäuerlichen Kalender, musste abgesagt werden, weil sich die Wiese höchstens für eine Bootsmesse geeignet hätte. In Dublin wurden Mitte August sieben Grad gemessen. Überall traf man auf nörgelnde Touristen. Wer im August nach Irland gereist ist, wird so bald nicht wiederkommen – ganz zu schweigen von den beiden Franzosen, die in ihrem Auto ertrunken sind.
Was ist bloß aus dem feinen irischen Nieselregen geworden, für den die Grüne Insel berühmt ist? Stattdessen kam das Wasser mit solcher Wucht herunter, dass es Brücken wegriss, Straßen unterspülte und Eisenbahngleise wegschwemmte, sodass ein Zug entgleiste. Nur aus so manchen Wasserhähnen kam kein Wasser mehr, wie die Bewohner ungläubig feststellen mussten, weil die Rohre durch den Regen beschädigt worden waren.
Ausgerechnet an dem Samstag Mitte August, der sich als der nasseste Tag in der Geschichte Dublins entpuppte, bestellte ich mir eine indische Mahlzeit, die normalerweise binnen 45 Minuten ins Haus geliefert wird. Kaum hatte ich aufgelegt, da setzte der Regen ein. Und wie: Innerhalb von vier Stunden kam mehr Wasser herunter als sonst in einem Monat. Zur selben Zeit ging ein wichtiges Spiel in der irischen Traditionssportart “Gaelic Football” zu Ende, und das Stadion liegt um die Ecke vom indischen Restaurant. Nach zwei Stunden rief der Lieferfahrer an und beschrieb anschaulich das Chaos, das auf den Straßen herrschte. Er sei vor einer Stunde losgefahren und befinde sich jetzt in der Dorset Street, sagte er. Aber in dieser Straße liege doch sein Restaurant, wandte ich ein. “Eben”, entgegnete er entnervt. “Ich bin in der vergangenen Stunde 250 Meter weit gekommen. Deshalb kehre ich jetzt um. Schmier dir ein Brot.”
Ich bat ihn, es später noch mal zu versuchen, wenn Regen und Verkehr nachgelassen haben. Nachts um halb zwölf stand der Restaurantbesitzer vor der Tür, in der Hand eine Plastiktüte mit meinem Essen, und entschuldigte sich pausenlos. Es sei ja nicht seine Schuld, entgegnete ich, oder habe er etwa zum indischen Regengott Indra gebetet? Der Restaurantbesitzer beteuerte seine Unschuld, schenkte mir die Mahlzeit und versprach, sich sogleich an den Sonnengott Vischnu zu wenden, damit wir einen großartigen September bekämen. Es hat offenbar funktioniert. Am Wochenende schien bereits zweimal kurz die Sonne.

Die Wahrheit übers irische Wetter
Die Wahrheit übers irische Wetter
“…Der Regen ist hier absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen.
Man kann diesen Regen schlechtes Wetter nennen, aber er ist es nicht. Er ist einfach Wetter, und Wetter ist Unwetter. Nachdrücklich erinnert er daran, daß sein Element das Wasser ist, fallendes Wasser. Und Wasser ist hart.
Und wieviel Wasser sammelt sich über viertausend Kilometer Ozean, Wasser, das sich freut, endlich Menschen, endlich festes Land erreicht zu haben, nachdem es so lange nur immer ins Wasser, nur in sich selbst fiel. Kann es dem Regen schließlich Spaß machen, nur immer ins Wasser zu fallen?
Gut ist es immer Kerzen, die Bibel und ein wenig Whiskey im Hause zu haben, wie Seeleute, die auf Sturm gefaßt sind; dazu ein Kartenspiel, Tabak, Stricknadeln und Wolle für die Frauen, denn der Sturm hat viel Atem, der Regen hat viel Wasser, und die Nacht ist lang.
… Wir standen auf; es war hell geworden, und im gleichen Augenblick war es ruhig draußen. Wind und Regen hatten sich entfernt, die Sonne kam über den Horizont, und ein großer Regenbogen stand über der See, so nah war er, daß wir ihn in Substanz zu sehen glaubten; so dünn, wie Seifenblasen sind, war die Haut des Regenbogens. Immer noch schaukelten Korken und Holzstücke auf der Pfütze, als wir die Treppe hinauf in die Schlafzimmer gingen…”
Aus: Heinrich Böll, “Irisches Tagebuch”, (*am 21.12.1917, + am 16.7.1985)
Über Irland gibt es viele und vielfältige Vorurteile
Über Irland gibt es viele und vielfältige Vorurteile, und das hartnäckigste und abenteuerlichste ist sicher das zum Thema Wetter – wobei die Schreckensmeldungen sonnenhungriger Kontinentaleuropäer über den irischen Regen wenigstens nicht der Grundlage entbehren. Dagegen scheinen die Verfasser diverser Reiseführer, die ständig auf das “milde und ausgeglichene” Klima verweisen, zu glauben, daß das irische Wetter eine romantische Mischung aus Sonnenschein und Schauern sei.
Das irische Wetter ist weit davon entfernt, lieblich und ausgeglichen zu sein. Es ist ein Despot und neigt demzufolge zu Extremen. Dabei unterscheidet sich das Grundrezept für dieses Wetter nicht von dem anderer Länder, auch in Irland sind Regen, Wind und Sonne die Zutaten, nur die Quantität und die Mischung sind verschieden; es gibt 365 Varianten pro Jahr.
Allen Horrormeldungen zum Trotz: Die Sonne scheint in Irland! Frei erfunden ist der Bericht, daß bei ihrem Auftauchen die Bewohner der Insel aus ihren Häusern rennen und die Naturerscheinung am Himmel bewundern! Die Sonnentage in Irland sind so herrlich und perfekt, daß der Neuankömmling an eine Rückkehr in den Garten Eden zu glauben beginnt. Eine Täuschung, der kein Ire zum Opfer fällt, denn schon am nächsten Morgen – oder noch in derselben Nacht – kann ein prächtiger Sturm über die Insel fegen und recht nachdrücklich daran erinnern, daß die Vertreibung aus dem Paradies eine Tatsache ist …
Tatsache ist auch, daß es in Irland oft und intensiv regnet. Nun sei aber nicht die Rede von den sattsam bekannten Schauern der Reiseführer, vor denen man sich angeblich mit zünftiger Regenbekleidung schützen kann und die eine Prise Abenteuer in den Urlaub streuen. Die Rede sei hier von jenem Regen, der in Teamarbeit mit einem heulenden Sturm ans Werk geht, der die modisch-flotte Regenbekleidung keineswegs un-flott in Fetzen gehen läßt und den fassungslosen Wanderer in Minutenschnelle genauso naß und elend in die Landschaft stellt wie die Rinder und Schafe, die – mit der Kehrseite zu den Elementen – das Toben der Natur über sich ergehen lassen.
Meist währt das Unwetter genauso lang, bis man glaubt, das Heulen des Sturms im Kamin, das Dröhnen des waagrecht gegen die Scheiben prasselnden Regens und den Anblick der armseligen Hühner, die sich wie nasse Wattebäusche gegen die Hauswand drücken, keinen Augenblick länger ertragen zu können. Dann wird es plötzlich von einer Minute zur anderen still. Als versöhnende Geste scheucht der Sturm die tiefgrauen Wolkenschichten auseinander und offenbart ein winziges Stück stahlblauen Himmels. Nur Augenblicke später scheint die Sonne. Das Licht, das sich in den Wasserperlen bricht, die wie Ketten an den langen Gräsern hängen, läßt die Wiesen mit Millionen von bunten Glasperlen übersät erscheinen. Die Unwirklichkeit des Augenblicks wird von einem Regenbogen unterstrichen, der in phantastischer Perfektion und Farbenpracht einen Halbkreis an den Horizont malt.
Der erste gefiederte Sänger motiviert unversehens seine Nachbarn, die Luft ist erfüllt von einem intensiven, nach Leben riechenden Duft, die wattebäuschigen Hühner schütteln die Nässe aus den Federn und ziehen vergnügt Würmer aus dem regensatten Boden – von Kofferpacken und abreisen wollen ist keine Rede mehr.
Laut Kalender gibt es auch in Irland Sommer und Winter; man kann sich nur nicht darauf verlassen. Novembertage können so mild und angenehm sein wie jene im Mai, Julitage so kalt und naß wie jene im Dezember. Es gibt Winter, in denen der Rasenmäher Mitte Januar schon wieder rattert, und es gibt Frühlinge, in denen man ohne Ohrenschützer und Wollschal nicht aus dem Haus kann.
Apropos Winter: ‘In dieser Jahreszeit zeigt das Thermometer kaum unter Null’ – weiteres Zitat aus den Reiseführern, und Schnee sei so gut wie unbekannt. Er ist bekannt, und es empfiehlt sich nicht, selbige Zitate an Landwirte weiterzugeben, die erfrorene Lämmer unter Schneewehen hervorziehen.
Eine besonders unerfreuliche Wintervariante zum Thema Niederschlag ist der Schneeregen. Die hohe Luftfeuchtigkeit läßt das Wetter dann selbst bei leichten Plusgraden unerträglich kalt erscheinen. Ein eisiger Wind treibt dichten Schneeregen wie gewaltige graue Stahlplatten vom Himmel. Das sind die Tage, an denen man nicht mehr aus dem Fenster sieht, sondern in der beruhigenden Nähe des zischenden und lodernden Torffeuers vom Frühling träumt. Der bringt wenigstens warmen Regen …
Der Winter schenkt aber auch klare ruhige Tage, voll Frieden und Einklang. Die Sicht reicht weiter als das Auge zu blicken vermag, messerscharfe Konturen schneiden sich in einen unbeschreiblich blauen, unbeschreiblich sauberen Himmel, die Sonnenuntergänge bescheren eine Farbenpracht und Intensität, die ins Irreale geht.
Das irische Wetter hat – wie das Land selbst – eine Neigung zur Unwirklichkeit. Da sind die Vollmondnächte – im Sommer wie im Winter – wenn über den Seen leichter Nebel aufsteigt, der über den Mooren und Auen hängenbleibt, wenn der unruhige Wolken über den Himmel jagende Wind Licht und Schatten ständig verändert, wenn das Rufen der Brachvögel und Enten, das Bellen eines Fuchses auch weniger romantische Seelen an die Existenz von Feen, Elfen und Kobolden glauben lassen. Dann erscheint Irland doch wieder als ein Tor zum Garten Eden, und die Gewißheit, daß der nächste Regen sich sicher schon wieder über dem Atlantik sammelt, hat keinerlei Bedeutung.
Dagmar Kolata
Niederschlag - näher betrachtet
Die Gesamt-Niederschlagsmenge, die auf Irland herabregnet, verändert sich kaum von Jahr zu Jahr. Würde man sich jedoch die Mühe machen, die Durchschnitts-Niederschlagsmenge graphisch darzustellen, würde sich rasch eine geographische Ordnung herauskristallisieren. Im Westen fällt mehr Regen als im Osten, in den hügeligen Gebieten mehr als in den zentralirischen Ebenen und den tieferliegenden Gegenden im Osten und Süden; und der Regen-Schatten-Effekt wird klar erkennbar – niedrige Regenwerte dort, wo der ständig vorherrschende Wind aus höhergelegenen Gegenden die tieferliegenden buchstäblich ‘beschirmt’. Aus einer solchen Graphik könnte man entnehmen, daß die Durchschnitts-Niederschlagmenge variiert von z.B. 3.000 Millimetern jährlich in den bergigen Gegenden von Kerry und Donegal bis zu ca. 750 Millimetern in Dublin, wobei der Landesdurchschnitt bei 1.1oo Millimetern liegt.
Aber wie schon der amerikanische Historiker Frances Parkman einst bemerkte: “Tatsachen mögen mit einem Höchstmaß an Exaktheit beschrieben werden, und doch kann die Wiedergabe als Ganzes bedeutungslos und unwahr sein.”
Der jährliche Niederschlag an sich ist nicht zwingenderweise ein guter Maßstab, um einen bestimmten Flecken Erde als “verregnet” abzustempeln. Frankreichs Mittelmeerküste zum Beispiel vermittelt den Eindruck, ein wesentlich trockeneres und sonnigeres Fleckchen Erde als Irland zu sein – tatsächlich fällt dort mehr Regen als in Dublin! Nizza verzeichnet eine durchschnittliche Niederschlagsmenge von über 800 Millimetern pro Jahr. Der Unterschied liegt in der Natur des Regens: In Südfrankreich ist der Regen während eines Schauers sehr schwer, es regnet aber längst nicht so häufig. In Irland dagegen ist der Regen oft leicht, aber wesentlich anhaltender.
Ein alternativer Maßstab, der anzusetzen wäre – und der solche Unterschiede in einem besseren Licht darstellen würde – wäre, die Regentage zu zählen. Metereologen verstehen unter einem ‘Regentag’ einen solchen, an dem mindestens 1/5 Millimeter Regen fällt, was man als ‘merkliche’ Regenmenge qualifiziert. Diese (Un)Men-ge ist etwa einem einzigen, kurzen Schauer oder einigen Stunden Nieselregen gleichzusetzen. Gemessen an diesen Kriterien variiert die Anzahl der Regentage in Irland zwischen 190 im Osten bis ca. 250 an der Westküste. Zum Vergleich: Die entsprechende Anzahl für Südfrankreich bewegt sich unter 100.
Eine weitere Methode, die Auswirkung des Regens auf unser Leben zu messen, wäre, das “Wieviel” total zu vergessen und stattdessen zu fragen: “Wie lange?”. Den Statistiken zufolge fällt an den meisten Orten in Irland der Regen zwischen 600 und 800 Stunden jährlich – oder in anderen Worten – 8% der Gesamtzeit. Aber selbst dies bringt uns “back to where we started”: Die geographische Ordnung bestätigt eigentlich nur, daß es in den hügeligen Gegenden im Westen Irlands am längsten regnet, und am kürzesten in der privilegierten Umgebung der Hauptstadt …
(So erklärt in der Irish Times vom 24.2.1993)
Das irische Klima ganz allgemein
Die durchschnittliche Temperatur beträgt in den kältesten Monaten Januar und Februar zwischen 4 und 7 Grad, Frost gibt es selten; in den wärmsten Monaten Juli und August beträgt sie zwischen 14 und 16 Grad, selten mehr als 24 Grad. In den meisten Gegenden Irlands sind die Monate Dezember und Januar am nassesten. Trotzdem ist übrigens die irische Wasserversorgung schon seit langem problematisch und es gibt für die Landbewohner in vielen Regionen immer wieder regelrechte Trockenperioden, in denen mit jedem Liter gerechnet werden muß! Die durchschnittliche Regemenge beträgt zwischen 750 mm im Binnenland in der Mitte Irlands bis zu über 1300 mm im Südwesten. In den trockensten Monaten Mai, Juni und September scheint die Sonne zwischen vier und sechs Stunden am Tag, im Südosten sogar länger. Abends ist es eine gute Stunde länger hell als auf dem Kontinent.
Der Wind weht vorherrschend aus Südwest. Die Windgeschwindigkeiten sind am größten an Süd-, West- und Nordküste, besonders in den Monaten von November bis März, Juni bis September haben allgemein weniger Wind.
Die Wassertemperatur an den Küsten beträgt im Winter bis ins Frühjahr durchschnittlich 10 Grad im Südwesten bis 7 Grad im Nordosten und steigt dort bis in den Spätsommer auf 15 bzw. 13,5 Grad (also vergleichbar der Nordsee).
Zusammengestellt von der Redaktion des Magazins irland journal (aus Nr. 3/98)
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